Dr. Sarah Herbert

Grenzen des Strafrechts bei der Terrorismusgesetzgebung

Ein Rechtsvergleich zwischen Deutschland und England

Status

Das Projekt ist abgeschlossen

Publikation

  • 300 Seiten; Berlin, 2014
  • ISBN: 978-3-86113-820-4
  • Preis: 35 EUR

Wie viele an­de­re Län­der re­agier­ten auch Deutsch­land und Eng­land auf die Ge­fahr eines bis­her un­be­kann­ten, glo­ba­len Ter­ro­ris­mus mit der Ein­füh­rung neuer Straf­tat­be­stän­de. Vor­ran­gi­ges Ziel der Ge­set­ze ist, ein frü­he­res staat­li­ches Ein­grei­fen zu er­mög­li­chen, indem an Tat­hand­lun­gen weit im Vor­feld des ei­gent­li­chen Tat­er­folgs an­ge­knüpft wird. In einem Rechts­staat muss die Ein­griffs­be­fug­nis des Staats je­doch klare Gren­zen haben. Neue Ri­si­ken wer­fen daher neue Fra­gen nach der Le­gi­ti­ma­ti­on und den funk­tio­na­len Gren­zen des Straf­rechts auf, die sich im Span­nungs­feld zwi­schen der straf­recht­lich ge­schütz­ten kol­lek­ti­ven Si­cher­heit und der Frei­heit des Ein­zel­nen be­we­gen.

Das Dis­ser­ta­ti­ons­pro­jekt hat die Kri­te­ri­en un­ter­sucht, die zur Auf­lö­sung des Kon­flikts zwi­schen Frei­heit und Si­cher­heit dis­ku­tiert wer­den. Ziel des For­schungs­vor­ha­bens war die Ge­gen­über­stel­lung von Straf­rechts­be­gren­zungs­kri­te­ri­en und ihrer Be­deu­tung bei der Ter­ro­ris­mus­straf­ge­setz­ge­bung in Deutsch­land und Eng­land. Es soll­te her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den, in­wie­weit all­ge­mei­ne Si­che­rungs­me­cha­nis­men die (Ter­ro­ris­mus-)Straf­ge­setz­ge­bung ein­schrän­ken und län­der­spe­zi­fi­sche Ei­gen­hei­ten eine Aus­wei­tung be­güns­ti­gen.

Die Un­ter­su­chung er­folg­te im Wege der funk­tio­na­len Rechts­ver­glei­chung. Der Ver­gleich mit einem Land aus dem an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Rechts­kreis ver­sprach neue Sicht­wei­sen. Zudem schien Eng­land, das eine ein­griff­s­in­ten­si­ve­re Kri­mi­nal­po­li­tik ver­folgt, den Kon­flikt zwi­schen Frei­heit und Si­cher­heit nach an­de­ren Kri­te­ri­en auf­zu­lö­sen. Die Ana­ly­se be­schränk­te sich auf das Bei­spiel der Ter­ro­ris­mus­straf­ge­setz­ge­bung, in der die Aus­deh­nung des Straf­rechts an seine funk­tio­na­len Gren­zen be­son­ders deut­lich her­vor­tritt.

Die Ar­beit zeigt neben deut­li­chen Par­al­le­len in den Re­ge­lungs­ma­te­ri­en der Tat­be­stän­de, dass das eng­li­sche Straf­recht ins­ge­samt über eine hö­he­re Re­ge­lungs­dich­te ver­fügt und dass Un­ter­schie­de in der Re­ge­lungs­tech­nik des Ge­setz­ge­bers be­ste­hen. Der Ver­gleich all­ge­mei­ner Be­gren­zungs­kri­te­ri­en des Straf­rechts ver­an­schau­licht, dass diese (trotz ähn­li­cher Prä­mis­sen) in Deutsch­land über­wie­gend stren­ger aus­ge­stal­tet sind. Die Si­che­rungs­me­cha­nis­men sind hier größ­ten­teils ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­kert und gel­ten als un­an­tast­bar. In der eng­li­schen Straf­rechts­ord­nung er­schei­nen hin­ge­gen fun­da­men­ta­le Be­gren­zungs­prin­zi­pi­en als von vor­ne­her­ein ein­schränk­bar. Ins­be­son­de­re das das deut­sche Straf­recht prä­gen­de Schuld­prin­zip sieht sich mit zahl­rei­chen Aus­nah­men kon­fron­tiert. Gleich­zei­tig zeigt aber etwa die – par­ti­el­le – Re­zep­ti­on des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes Ver­än­de­run­gen im eng­li­schen Recht zu­guns­ten einer stär­ke­ren Ori­en­tie­rung an fest­ge­schrie­be­nen Rech­ten und all­ge­mei­nen Recht­s­prin­zi­pi­en, was ins­be­son­de­re auf die Aus­wir­kun­gen des Human Rights Acts von 1998 zu­rück­zu­füh­ren ist.

Fer­ner be­ste­hen nach dem ge­gen­wär­ti­gen Stand der Un­ter­su­chung An­halts­punk­te dafür, dass sich die we­ni­ger stren­gen Straf­rechts­be­gren­zungs­kri­te­ri­en in Eng­land in einer ein­griff­s­in­ten­si­ve­ren Ter­ro­ris­mus­straf­ge­setz­ge­bung nie­der­schla­gen. Ein Ver­gleich der Tat­be­stän­de weist auf die un­ter­schied­li­che Um­set­zung des Schuld­prin­zips hin. Die prä­ven­ti­ve­re Aus­rich­tung des eng­li­schen Straf­rechts zeigt sich fer­ner in Form ge­rin­ge­rer An­for­de­run­gen an den ob­jek­ti­ven Un­rechts­ge­halt einer Tat sowie in Ge­stalt über­pro­por­tio­na­ler Straf­an­dro­hun­gen. Die eng­li­schen Tat­be­stän­de las­sen au­ßer­dem Ein­schrän­kun­gen und Kon­kre­ti­sie­run­gen, wie sie sich in den deut­schen Tat­be­stän­den fin­den, ver­mis­sen. Hier ist es Auf­ga­be der Straf­ver­fol­gungs­or­ga­ne und der Ge­rich­te, für Ge­rech­tig­keit im Ein­zel­fall zu sor­gen. Gleich­zei­tig zei­gen sich im eng­li­schen Ter­ro­ris­mus­straf­recht je­doch auch der straf­bar­keits­li­mi­tie­ren­de Ein­fluss der EMRK und damit die Be­deu­tung fest­ge­schrie­be­ner Rech­te.

Dr. Sarah Herbert

Dr. Sarah Her­bert wurde in Ra­vens­burg ge­bo­ren. Sie stu­dier­te Rechts­wis­sen­schaf­ten an der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg mit Schwer­punkt im Straf­recht. Von 2005–2007 war Sarah Her­bert als stu­den­ti­sche Mit­ar­bei­te­rin im Sach­re­fe­rat „Eu­ro­pa­recht“ am Max-Planck-In­sti­tut für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht tätig und ar­bei­te­te für die Re­dak­ti­on des on­line-Jour­nals „eu­crim“ (the eu­ro­pean cri­mi­nal law as­so­cia­ti­ons’ forum).

Ab Ok­to­ber 2008 war sie als wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin von Prof. Dr. Sie­ber am In­sti­tut be­schäf­tigt und er­hielt für das Som­mer­se­mes­ter 2009 einen Lehr­auf­trag von der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Frei­burg. Seit Ok­to­ber 2010 ab­sol­viert Sarah Her­bert den „Ma­gis­ter Legum“ (LL.M.) an der Uni­ver­si­ty of Not­ting­ham (UK). Die Auf­nah­me in die Re­se­arch School er­folg­te im Juni 2010, im Mai 2013 der Ab­schluss.

Dis­ser­ta­ti­ons­be­treu­er:
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ul­rich Sie­ber